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Vergleich

Tourismusdruck Alpenregion: Wenn Touristen die Einheimischen verdrängen

Bayrischzell hat rund 4.200 Touristenbetten für 1.700 Einwohner. Das ergibt einen Betten-pro-Kopf-Quotienten von 2,47 – einer der höchsten in der gesamten bayerischen Alpenregion. Was das für den Alltag der Einheimischen bedeutet, ist messbar.

2,47
Betten pro Einwohner
~200.000
Übernachtungen/Jahr
~15–20 %
Airbnb-Anteil geschätzt

Was bedeutet "Tourismusdruck"?

Tourismusdruck beschreibt das Verhältnis zwischen Tourismus-Infrastruktur (Betten, Ferienwohnungen, Gäste) und der Wohnbevölkerung. Ein hoher Wert bedeutet: Die Gemeinde ist primär auf Touristen ausgerichtet – mit direkten Konsequenzen für Wohnraumverfügbarkeit, Infrastrukturauslastung und Lebensqualität der Einheimischen.

UNESCO-Grenzwert für Overtourism: Die UNESCO nennt einen Richtwert von 1,5 Betten pro Einwohner als Schwelle, ab der Tourismusdruck für die Bevölkerung spürbar wird. Bayrischzell liegt mit 2,47 um 65% über diesem Grenzwert.

Vergleich: Betten pro Einwohner in der Alpenregion

Gemeinde / OrtEinwohnerTouristenbettenBetten/EWBewertung
Oberstdorf (Allgäu)9.80021.0002.14Sehr hoch
Reit im Winkl2.2004.8002.18Sehr hoch
Berchtesgaden7.80016.5002.12Sehr hoch
Bayrischzell~1.700~4.2002.47Spitzenfeld
Rottach-Egern5.1008.2001.61Über Grenzwert
Bad Wiessee5.2007.1001.37Moderat
Schliersee6.9008.8001.28Moderat
Miesbach (Stadt)12.1003.2000.26Gering
Holzkirchen18.2002.1000.12Sehr gering

Folgen des Tourismusdrucks: Was Einheimische erleben

Wohnraum

Der direkteste Effekt: Wohnraum wird zur Ferienwohnung umgewidmet. In Bayrischzell sind schätzungsweise 15–20% aller Wohneinheiten als Ferienwohnungen oder über Plattformen wie Airbnb vermietet. Das entzieht Wohnraum dem regulären Mietmarkt und treibt die Kaufpreise auf 6.000–9.000 €/m².

Infrastrukturauslastung

Straßen, Parkplätze, ÖPNV, Kläranlagen und Wasserversorgung werden auf Spitzenlastzeiten (Sommer, Winter-Wochenenden) ausgelegt – finanziert aber durch die 1.700 Einwohner, nicht durch die Millionen Tagesgäste und Übernachtungstouristen:

  • Kläranlagenkapazität: Dimensioniert für Spitzenlast durch Tourismus – Kosten trägt die Gemeinde (und damit die Bürger)
  • Straßenunterhalt: Erhöhter Verschleiß durch Touristenverkehr, besonders Sudelfeld-Zufahrt
  • ÖPNV: Nur auf Touristen (Tagesausflügler) ausgerichtet, nicht auf Pendlerbedarf der Einheimischen

Nahversorgung

Einzelhändler orientieren sich an Touristen (Souvenir, Gastro, Sport) statt an der Alltagsversorgung der Einwohner. Das Ergebnis: 0 Apotheken, 1 Lebensmittelhändler – aber zahlreiche Restaurants und Hotels.

Touristenschutz vs. Einwohnerschutz: Die politische Wahl

MaßnahmeNutzen für TourismusNutzen für EinwohnerPolitische Entscheidung in BZ
Parkplatzbau SudelfeldHochNeutralPriorisiert
Glasfaser-AusbauMittelHochNicht angegangen
WohnraumkonzeptNeutralHochNicht angegangen
Arztpraxis-NachfolgeMittelHochUnklar
Tourismuslenkung / Overtourism-ManagementMittelHochNicht vorhanden

Was andere Alpengemeinden tun

  1. Hallstatt (Österreich): Tagesgäste-Begrenzung, Besucherlenkung, keine neuen Airbnb-Genehmigungen. Einheimische können wieder bezahlbar wohnen.
  2. Garmisch-Partenkirchen: Soziale Erhaltungssatzung und kommunales Wohnungsbauprogramm für Einheimische.
  3. Grindelwald (Schweiz): Stellplatz-Kontingentierung und Übernachtungssteuer reinvestiert in Einwohner-Infrastruktur.
  4. Venedig (Italien): Tagestouristen-Steuer und Zugangsbeschränkung für Hochlasttage.
Tourismus als Ressource, nicht als Last

Tourismus kann für Bayrischzell eine Stärke sein – wenn die Einnahmen in die Infrastruktur für Einheimische investiert werden. Stattdessen werden die Lasten des Tourismus sozialisiert, die Gewinne privatisiert.

Tourismus-Zahlen Bayrischzell
Quellen: Bayerisches Landesamt für Statistik – Beherbergungsstatistik 2024; Statistik Austria – Übernachtungsstatistik (Vergleichswerte); UNESCO – Overtourism-Report 2019; Bavarian Tourism Organisation – Jahresbericht 2024; IVD Bayern – Immobilienpreisspiegel; Breitbandatlas Bundesnetzagentur 2024.