Ein Durchschnittsbürger in Deutschland gibt mehr als die Hälfte seines Einkommens für Steuern und Abgaben aus. 52,9 Prozent, um genau zu sein. Das ist der Preis der Demokratie — und er wäre gerechtfertigt, wenn jeder Euro seinem Zweck dient: der Allgemeinheit. Doch was passiert, wenn er das nicht tut? Wenn Glasfaser-Förderung versickert und Wasserleitungen nicht der Öffentlichkeit dienen, sondern privaten Interessen? In Bayrischzell lässt sich beobachten, wie aus kommunalem Versagen ein Nährboden für Extremismus entsteht.

I. Die Architektur der Freiheit

Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine Konstruktion — sorgfältig erdacht, um Macht zu begrenzen. Ihr Grundprinzip: Niemand soll alle Macht besitzen. Montesquieu formulierte es im 18. Jahrhundert, das Grundgesetz machte es 1949 zum Gesetz: Die Staatsgewalt teilt sich in drei unabhängige Gewalten.

Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes sagt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus."

Gewaltenteilung: Das Fundament der Demokratie

◆ Demokratie

Legislative
Bundestag
Gemeinderat
Exekutive
Regierung
Bürgermeister
Judikative
Gerichte
Staatsanwaltschaft
  • Gegenseitige Kontrolle
  • Unabhängige Gerichte
  • Freie Presse als „4. Gewalt"
  • Rechenschaftspflicht
  • Regelmäßige Wahlen

◆ Faschistische Diktatur

Alle Macht in einer Hand
„Führer", Partei, Einheitsgewalt
  • Keine Kontrolle der Macht
  • Gleichgeschaltete Justiz
  • Unterdrückte Presse
  • Keine Rechenschaft
  • Scheinwahlen oder keine

Der entscheidende Unterschied: In der Demokratie kontrolliert jede Gewalt die andere. In der Diktatur kontrolliert sich die Macht selbst — also niemand.

Die kommunale Ebene ist das Fundament dieser Architektur. Hier wird Demokratie greifbar: Der Gemeinderat beschließt, der Bürgermeister führt aus, die Kommunalaufsicht kontrolliert. Wenn diese Kette bricht — wenn der Bürgermeister ohne wirkliche Kontrolle schaltet und waltet — dann hat die Demokratie dort, wo sie am nächsten am Bürger ist, bereits versagt.

Art. 11 Abs. 2 BV (Bayerische Verfassung): Die Gemeinden sind Grundlage des Staates. Sie verwalten ihre eigenen Angelegenheiten im Rahmen der Gesetze und werden bei der Erfüllung der öffentlichen Aufgaben des Staates herangezogen.

II. Der Preis der Demokratie — und was davon übrig bleibt

Demokratie kostet Geld. Das ist kein Geheimnis. Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Feuerwehr, Wasserversorgung — all das wird finanziert durch Steuern und Abgaben. Der Bürger akzeptiert diese Belastung, solange er das Versprechen einer funktionierenden Gemeinschaft erfüllt sieht.

Doch die Realität sieht anders aus. Die durchschnittliche Belastung der Einkommen mit Steuern und Abgaben liegt 2025 bei 52,9 Prozent — so die Prognose des Deutschen Steuerzahlerinstituts. Deutschland hat damit die zweithöchste Abgabenlast in Europa, erreicht aber bei der Lebenszufriedenheit lediglich den 16. Platz unter europäischen Vergleichsländern.

Was bleibt Ihnen zum Leben?

Regler steht auf dem geschätzten Durchschnittseinkommen in Bayrischzell (~3.400 € brutto) — geprägt durch Tourismus, Gastgewerbe und Handwerk.

3.400 €
Bayrischzell ~3.400 €
Lkr. Miesbach ~3.800 €
Oberbayern ~4.500 €
Deutschland ~4.800 €
Ø Rentner ~1.550 € (Bruttorente)
BM Kittenrainer ~12.000 € (inkl. Agrar)
1.000 € 15.000 €
Ihr Brutto — aufgeteilt
Steuern
Wohnen
Mob.
MwSt
Frei
Steuern & Sozialabgaben ▾ Details
1.520 €
40%
Rentenversicherung (9,3% AN-Anteil)354 €
Krankenversicherung (8,55% + Zusatz)354 €
Pflegeversicherung (1,7–2,3%)70 €
Lohnsteuer (progressiv 0–45%)380 €
Arbeitslosenversicherung (1,3%)49 €
Solidaritätszuschlag (ggf.)0 €
Wohnen Lkr. Miesbach ▾ Details
1.152 €
30%
Kaltmiete (Ø 14,34 €/m² × 65m²)932 €
Nebenkosten (Wasser, Müll, Hauswart)130 €
Heizung & Strom130 €

Basis: 65m²-Wohnung. Median 70m² im Lkr. Miesbach: 1.280 € kalt (mietpreise.info)

Mobilität ▾ Details
304 €
8%
Kraftstoff (Pendler, ländl. Raum)122 €
Kfz-Versicherung76 €
Wartung, TÜV, Reparaturen61 €
Kfz-Steuer, Finanzierung46 €

Ländlicher Raum = Auto zwingend nötig. ADAC-Vollkosten Kompaktklasse: ~350-500 €/M.

MwSt auf Restkonsum ▾ Details
125 €
3%
Lebensmittel (ermäßigt 7%)32 €
Kleidung, Haushalt, Freizeit (19%)93 €

MwSt wird auf alles fällig, was Sie vom verbleibenden Einkommen kaufen — eine unsichtbare Steuer.

Frei verfügbar
699 €
Das sind 18% Ihres Bruttoeinkommens — zum Leben, Sparen, für Ihre Kinder.
Wohin fließen Ihre 1.520 € Steuern & Abgaben?

Vereinfachte Darstellung nach Bundeshaushalt + Sozialversicherung. Kommunaler Anteil: ca. 14% der Gesamtausgaben.

Quellen: Einkommen: Destatis 4.784 €/M. (DE Ø 04/2025), Stepstone Gehaltsreport 2026 (Median DE: 53.900 €/J.), Bay. Landesamt (Lkr. Miesbach: 38.621 € verf. EK/Kopf 2022 — Platz 2 bundesweit, verzerrt durch Vermögen). Bayrischzell: Steuerkraftzahl 1.084 €/EW (Rechenschaftsbericht 2024), Tourismusprägung → geschätztes Ø-Arbeitseinkommen ~3.400 €. Miete: ImmoScout24 Q3/2025 (14,34 €/m² Lkr. Miesbach; Bayrischzell 12,53 €/m²). Steuerverwendung: BMF 2025, DRV.

Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Bayrischzell verdient geschätzt rund 3.400 Euro brutto — die Gemeinde lebt vom Tourismus, Gastgewerbe und Handwerk. Davon gehen knapp 40 Prozent an Steuern und Sozialabgaben. Von den verbleibenden gut 2.100 Euro netto verschlingt allein die Miete über 1.000 Euro warm. Mobilität und Mehrwertsteuer fressen den Rest. Am Ende bleiben wenige hundert Euro frei. Und jeder Euro, den die Gemeinde für eine Wasserleitung am Sudelfeld ausgibt statt für die Glasfaser aller Bürger, ist ein Euro gegen die Allgemeinheit.

„Wenn das bei uns schon so ist, was glaubst', wie's dann ganz oben ausschaut?" — „Martl", Stammtischgast im Landkreis Miesbach

III. Wofür das Geld gedacht ist: Kommunale Daseinsvorsorge

Der Begriff „Daseinsvorsorge" geht zurück auf den Verwaltungsrechtler Ernst Forsthoff, der 1938 die staatliche Pflicht zur Bereitstellung existenzieller Güter und Dienstleistungen beschrieb. Heute ist dieses Konzept das Rückgrat kommunaler Politik.

Art. 57 der Bayerischen Gemeindeordnung verpflichtet die Gemeinden, in den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit die aus Gründen des öffentlichen Wohls erforderlichen Einrichtungen herzustellen und zu unterhalten — darunter insbesondere die Trinkwasserversorgung. Diese Aufgaben sind keine freiwillige Kür, sondern gesetzliche Pflicht.

Zu den Pflichtaufgaben einer bayerischen Gemeinde gehören: Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Straßenbau und -unterhaltung, Ortsplanung, Feuerwehr, Breitbandversorgung (als Daseinsvorsorgeaufgabe), Friedhofswesen, und Kinderbetreuung. Jeder Euro Steuer hat einen bestimmungsgemäßen Empfänger: die Allgemeinheit.

Für eine Gemeinde wie Bayrischzell mit rund 1.600 Einwohnern bedeutet das: Die Bürger finanzieren mit ihren Abgaben eine Infrastruktur, die ihnen allen dient. Glasfaser, sauberes Wasser, funktionierende Straßen — das sind keine Geschenke des Bürgermeisters, sondern Rechte der Bürger.

Wie finanziert sich eine Gemeinde wie Bayrischzell?

Eine bayerische Gemeinde hat zwei Geldtöpfe: eigene Einnahmen — vor allem Gewerbesteuer, Grundsteuer und Einkommensteueranteile — und Zuweisungen vom Freistaat über den kommunalen Finanzausgleich (BayFAG). Dazu kommen zweckgebundene Fördermittel von Bund und Land, etwa für Glasfaserausbau oder Wasserleitungen. Für eine kleine Tourismusgemeinde wie Bayrischzell mit wenig verarbeitendem Gewerbe machen Zuweisungen und Fördermittel einen besonders hohen Anteil aus.

So finanziert sich Bayrischzell — Rechenschaftsbericht 2024 ▼ aufklappen

Verwaltungshaushalt 2024: 6.603.342 € · 1.691 Einwohner · Gesamthaushalt: 12.009.108 €

Woher kommt das Geld?

Tourismus
Kur, FV, Bad, Loipe
1.451 T€
22,0%
Gewerbesteuer
1.379 T€
20,9%
EKSt-Anteil
1.153 T€
17,5%
Gebühren
Wasser, Abwasser, Verw.
683 T€
10,3%
Schlüsselzuw.
338 T€
5,1%
Grundsteuer
271 T€
4,1%
Sonstiges
Mieten, MwSt, ZWSt, kalk.
1.328 T€
20,1%

Wohin fließt das Geld?

👤
Personal
1.392 T€ · 21,1%
🏰
Kreisumlage
1.250 T€ · 18,9%
🏊
Tourismus-Betrieb
899 T€ · 13,6%
🎓
KIGA + Schule
440 T€ · 6,7%
💧
Wasser + Abwasser
384 T€ · 5,8%
💰
Zinsen
183 T€ · 2,8%

Schuldenentwicklung — eine Warnung

2019
1.945 T€
1.203 €/EW
2022
1.701 T€
1.053 €/EW
2023
3.500 T€
2.146 €/EW
2024
4.844 T€
2.864 €/EW

+149% Schuldenanstieg in 5 Jahren. Jeder Bayrischzeller — vom Säugling bis zum Rentner — „schuldet" jetzt 2.864 €.

Breitband-Rätsel aus dem Rechenschaftsbericht: Für die Breitbandentwicklung waren im Haushalt 719.500 € eingeplant. Tatsächlich ausgegeben wurden: 24.190 €. Die Differenz: −695.310 €. Gleichzeitig flossen 867.319 € in die Wasserversorgung Sudelfeld/Jugendherberge. Was wurde aus den Glasfaser-Fördermitteln? Warum hat die Wasserleitung am Sudelfeld — betrieben vom Vizebürgermeister als Bergbahn-Geschäftsführer — Priorität vor der digitalen Infrastruktur für alle Bürger?

Quelle: Rechenschaftsbericht 2024, Gemeinde Bayrischzell, gez. Sieber (Kämmerin), 24.06.2024. Alle Zahlen: Rechnungsergebnis, nicht Haushaltsansatz.

IV. Die Bayrischzeller Schadensbilanz

Insgesamt stehen 1,56 Millionen Euro fragwürdiger Mittelverwendung im Raum: 695.310 Euro für Glasfaser, die nie verbaut wurden HH-Stelle 8180.9400, und 867.319 Euro für eine Wasserleitung am Sudelfeld, die mutmaßlich primär der Bergbahnen Sudelfeld GmbH & Co. KG dient — deren Geschäftsführer zugleich Vizebürgermeister ist HH-Stelle 8150.9400.

Schadensvergleich: Dieselbe Region, verschiedene Konsequenzen
Sparkassenaffäre Bromme/Kreidl
1,25 Mio. €

Untreue in 20+ Fällen
Luxusreisen, Geschenke, „Klimapflege"

✓ 10.000 Seiten Ermittlungsakten
✓ 100 Beamte im Einsatz
✓ Bewährungsstrafen
✓ Pensionsverlust (ca. 10.000 €/Monat)
vs.
Bayrischzell: Kittenrainer / Acher
~1,56 Mio. €

695.310 € Glasfaser nicht verbaut
867.319 € Wasserleitung Sudelfeld

✗ Keine Berichterstattung über das Ermittlungsverfahren
✗ Keine Berichterstattung über das Verfahren bei der Kommunalaufsicht
✗ Keine Konsequenzen seitens der CSU
✗ Bürgermeister weiter im Amt
Pro Einwohner gerechnet: Die fragwürdige Mittelverwendung in Bayrischzell entspricht ca. 923 € pro Einwohner (1.691 EW) — einschließlich Kinder und Rentner. Für eine vierköpfige Familie sind das 3.692 €. Und die Schulden stiegen parallel auf 4,84 Mio. € — 2.864 € pro Kopf.

Die Parallele ist offensichtlich. Und die Frage drängend: Warum gelten in Bayrischzell offenbar andere Maßstäbe?

V. Vom Frust in die Radikalisierung

Die Forschung ist sich einig: Wenn Menschen den Eindruck haben, dass ihre Lebensrealität in der Politik keine Rolle spielt, wächst die Anfälligkeit für populistische und extremistische Angebote. Die Kausalkette ist dabei erschreckend direkt.

Was die Forschung zeigt:

Eine Analyse des Meinungsforschungsinstituts Forsa zeigt: Das Vertrauen in Kommunalpolitik ist messbar gesunken. Dennoch hat die lokale Ebene noch eine Restchance — etwa 30 Prozent der AfD-Anhänger vertrauen noch ihrer Gemeindevertretung. Forsa / KOMMUNAL 2022

Laut der Friedrich-Ebert-Stiftung vertrauen nur 38 Prozent der AfD-Anhänger der Demokratie. Gleichzeitig befürworten 82 Prozent von ihnen direkte Demokratie — ein Zeichen, dass sie sich vom System nicht gehört fühlen. FES 2022

Die Hans-Böckler-Stiftung belegt: Finanzielle Sorgen und Einkommenseinbußen korrelieren direkt mit der Anfälligkeit für rechtspopulistische Ideologien. Hövermann et al. / WSI

Die Konrad-Adenauer-Stiftung dokumentiert in Fokusgruppen: AfD-Wähler berichten davon, sich wie in einer Diktatur zu fühlen. Das Geld werde „für die falschen Dinge" ausgegeben. KAS Monitor 2024

Die Argumentationskette ist klar: Bürger arbeiten hart und zahlen hohe Abgaben. Sie erwarten dafür funktionierende Infrastruktur. Wenn stattdessen Steuergelder versickern — für Glasfaser, die nie ankommt, für Wasserleitungen, die privaten Interessen dienen — entsteht eine tiefe Enttäuschung. Und diese Frustration sucht ein Ventil. Mehr zu diesem Thema auch in unserem Essay zur direkten Demokratie.

Die Radikalisierung geschieht dabei nicht laut. Sie geschieht am Stammtisch, wenn „Martl" sagt, er gehe nicht mehr wählen. Sie geschieht in der Wahlkabine, wenn jemand zum ersten Mal das Kreuz bei einer Partei setzt, von der er weiß, dass sie problematisch ist — aber die wenigstens „die richtigen Themen anspricht". Sie geschieht in sozialen Medien, wo Verschwörungserzählungen auf fruchtbaren Boden fallen, weil das Vertrauen in die reale Politik bereits zerstört ist.

„Es erscheint als Herkulesaufgabe, das verlorengegangene Politik-Vertrauen zurückzugewinnen." — Andreas Hövermann, WSI / Hans-Böckler-Stiftung

Wenn die vierte Gewalt schweigt

Besonders bemerkenswert ist die Rolle des Miesbacher Merkur in dieser Geschichte. Die Lokalredaktion unter Redaktionsleiter Stephen Hank berichtet nicht über die hier dargestellten Fakten — nicht über die 695.310 Euro nicht verbaute Glasfaser-Förderung, nicht über die 867.319 Euro für die Sudelfeld-Wasserleitung, nicht über die Verdopplung der Gemeindeschulden. Stattdessen verfasste die Redaktion einen Solidaritätsartikel für den Bürgermeister. Die naheliegende Erklärung: Nachdem wir die persönliche Befangenheit von Redakteur Daniel Wegscheider öffentlich gemacht haben — sein Vater war 28 Jahre Rektor der Grundschule Bayrischzell, die Familie ist tief im Ort verwurzelt —, reagiert die Redaktion nicht mit journalistischer Sorgfalt, sondern mit Schweigen. Aus persönlichen Befindlichkeiten wird eine Nachricht unterdrückt, die im öffentlichen Interesse liegt.

Wenn die Presse als „vierte Gewalt" ihre Kontrollfunktion aufgibt, bleibt der Bürger uninformiert. Und ein uninformierter Bürger kann keine fundierte Wahlentscheidung treffen.

Zum Wahlergebnis: Manche argumentieren, das Wahlergebnis in Bayrischzell legitimiere das Handeln des Bürgermeisters. Das Gegenteil ist der Fall: Ein Wahlergebnis unter den Bedingungen geframter, falscher Berichterstattung durch den Merkur und einer Lokalpresse, die wesentliche Fakten verschweigt, ist keine demokratische Legitimation — es ist das Ergebnis eines Informationsdefizits. Das Verhalten, das wir hier dokumentieren, ist zudem nicht isoliert für Bayrischzell zu betrachten. Es löst weit über die Gemeindegrenzen hinaus Kopfschütteln aus — im gesamten Landkreis, in ganz Bayern und darüber hinaus. Was hier geschieht, ist ein Symptom für ein systemisches Problem kommunaler Kontrolle, das Tausende Gemeinden in Deutschland betrifft.

Die Lektion ist unmissverständlich: Wer als Bürgermeister oder Gemeinderat wie ein Feudalherr handelt — wer Steuergelder nicht zum Wohle der Allgemeinheit einsetzt, sondern nach Gutdünken verteilt — der sabotiert nicht nur die kommunale Infrastruktur. Er sabotiert die Demokratie. Und er liefert der AfD die Argumente auf dem Silbertablett.

VI. Das Gewissen eines Bürgermeisters

Am Ende dieses Artikels bleibt eine Frage, die sich jeder Leser stellen sollte — und die sich Georg Kittenrainer stellen muss: Wo ist das Gewissen eines Bürgermeisters gegenüber seinen Bürgern?

Was der Bürgermeister bekommt — und was Sie dafür arbeiten müssen

Stellen Sie Ihr Einkommen ein und vergleichen Sie direkt:

3.400 €
1.500 €10.000 €
Bürgermeister Kittenrainer
Besoldung (Vollzeit-BM)~5.500 €/M.
Agrarsubventionen (78 T€/J.)~6.500 €/M.
Gesamteinkommen/Monat~12.000 €
→ Jahreseinkommen~149.500 €
✓ Beamtenstatus: unkündbar
✓ Keine Sozialversicherungspflicht
✓ Private KV mit Beihilfe (50% Staat)
✓ Dienstaufwandsentschädigung
✓ Kein Insolvenz-/Jobverlustrisiko
Beamtenpension (Art. 26 BayBeamtVG)
Formel1,79375% × Dienstjahre
Nach 18 Jahren (aktuell ca.)~1.780 €/M.
Nach 24 Jahren (Wiederwahl)~2.370 €/M.
Maximum (40 J. / 71,75%)~3.950 €/M.

Lebenslang, keine eigenen Beiträge, vom Steuerzahler finanziert. Agrarförderung kommt obendrauf.

Sie — mit Ihren 3.400 € brutto
Bruttoeinkommen3.400 €/M.
Agrarsubventionen0 €
Gesamteinkommen/Monat3.400 €
→ Jahreseinkommen40.800 €
✗ Kündbar — jederzeit
✗ ~20% Sozialabgaben vom Brutto
✗ Gesetzliche KV (steigende Beiträge)
✗ 3 J. Ausbildung / 3-5 J. Studium nötig
✗ Wirtschaftsrisiko, Kurzarbeit, Insolvenz
Gesetzliche Rente (geschätzt)
FormelEntgeltpunkte × 39,32 €
Nach 20 Jahren Arbeit~568 €/M.
Nach 35 Jahren Arbeit~994 €/M.
Nach 45 Jahren (Maximum)~1.278 €/M.

Eigene Beiträge (~9,3% des Bruttos). Anspruch erst ab 63/67 J. Kein lebenslanger Beamtenanspruch.

Durchschnittsrentner
Durchschnittsrente (2025)1.550 €/M.
Agrarsubventionen0 €
Gesamteinkommen/Monat1.550 €
→ Jahreseinkommen18.600 €
✗ 45 Jahre eingezahlt
✗ Durchschnittlich 3.780 € brutto verdient
✗ Gesetzliche KV (~8% der Rente)
✗ Kein Beihilfe-Anspruch vom Staat
✗ Mietkosten steigen, Rente kaum
Vergleich zum Bürgermeister
Kittenrainer-Pension (18 J.)1.780 €/M.
Rentner (45 J. eingezahlt)1.550 €/M.
Differenz pro Monat+230 € für BM
Eingezahlt vom BM0 €

Der Bürgermeister bekommt nach 18 Jahren mehr Pension als ein Rentner nach 45 Jahren Arbeit — ohne einen Cent eigene Beiträge.

Was diese Zahlen für Sie bedeuten
3,5×
So viel mehr verdient der Bürgermeister als Sie — inkl. seiner 78.000 € Agrarsubventionen aus Steuergeldern.
19,4 J.
So lange müssten Sie arbeiten, um das zu verdienen, was Kittenrainer allein durch Agrarförderung in einem Jahrzehnt erhält (780.000 €).
2.864 €
Schulden pro Einwohner unter Kittenrainers Amtszeit. Fast ein ganzes Monatsgehalt von Ihnen — für jeden Bayrischzeller.
3,1×
So viel mehr Pension bekommt Kittenrainer nach 18 Dienstjahren als Sie nach 35 Jahren harter Arbeit als Rente.
7,7×
So viel mehr verdient der Bürgermeister als ein Durchschnittsrentner mit 1.550 €/M. — nach 45 Jahren Beitragszahlung.

Ein Koch in Bayrischzell steht um fünf Uhr auf, fährt im Dunkeln zur Arbeit, kocht bis der letzte Gast gegangen ist, kommt nach Hause, wenn seine Kinder schlafen — und verdient 2.200 Euro netto. Davon gehen 1.100 Euro für die Miete ab. Es bleiben ihm 400 Euro zum Leben. Er hat drei Jahre Ausbildung hinter sich. Er kann jederzeit gekündigt werden. Nach 35 Jahren Arbeit bekommt er 820 Euro Rente.

Sein Bürgermeister verdient mit Agrarsubventionen das Vierfache. Er ist unkündbar. Er bekommt nach 18 Dienstjahren bereits 1.780 Euro Pension — mehr als doppelt so viel wie die Rente des Kochs nach 35 Arbeitsjahren. Und er verantwortet einen Haushalt, in dem 695.000 Euro für Glasfaser eingeplant waren — aber nur 24.000 Euro ausgegeben wurden. Während 867.000 Euro in eine Wasserleitung flossen, die dem Skigebiet des Vizebürgermeisters dient.

Wo ist das Gewissen eines Bürgermeisters, der das zulässt?

VII. Was jetzt geschehen muss

◆ Ihre Meinung zählt

Drei Fragen an die Bürgerinnen und Bürger — anonym, ohne Tracking-Cookies.

1 Vertrauen Sie Ihrem Bürgermeister, dass er Ihre Steuergelder sinnvoll einsetzt?

Danke für Ihre Stimme. Die Ergebnisse werden nach Abschluss der Umfrage veröffentlicht.

2 Sollte die Staatsanwaltschaft die Vorgänge in Bayrischzell untersuchen?

Danke für Ihre Stimme.

3 Hat kommunales Versagen Einfluss auf Ihr Wahlverhalten?

Danke für Ihre Stimme.

Vier Forderungen für den Rechtsstaat

1
Staatsanwaltschaft München II: Die Vorgänge in Bayrischzell müssen mit derselben Gründlichkeit geprüft werden wie die Sparkassenaffäre Bromme/Kreidl. Wenn 1,25 Millionen Euro dort 10.000 Seiten Ermittlungsakten rechtfertigen, dann rechtfertigen 1,7 Millionen Euro hier mindestens dasselbe.
2
Kommunalaufsicht im Landratsamt Miesbach: Die gesetzliche Pflicht zur Kontrolle der Mittelverwendung muss wahrgenommen werden — nicht als Gefälligkeit, sondern als Auftrag. Art. 109 ff. BayGO gibt der Aufsichtsbehörde die Instrumente. Sie muss sie nutzen.
3
Die CSU als Partei: Wer kommunale Amtsträger duldet, die Steuergelder nicht bestimmungsgemäß einsetzen, trägt Mitverantwortung für den Vertrauensverlust. Die CSU muss — so wie sie es nach der Kreidl-Affäre tun musste — intern aufklären und Konsequenzen ziehen.
4
Transparenz für die Bürger: Jeder Euro, der im Namen der Gemeinde Bayrischzell ausgegeben wird, muss nachvollziehbar sein. Förderberichte, Vergabeprotokolle, Haushaltsdaten — alles muss öffentlich zugänglich werden.