Gelbes Blatt: Objektiv oder parteiisch?

Wenn zwei Zeitungen Tür an Tür arbeiten – und dasselbe schreiben

I Was im Gelben Blatt steht

Ende Februar 2026 erschienen in gleich zwei Lokalzeitungen Leserbriefe, die das anonyme Transparenz-Dossier scharf verurteilen und Bürgermeister Georg Kittenrainer verteidigen: mehrere Leserbriefe im Miesbacher Merkur / Tegernseer Zeitung und ein Leserbrief im Gelben Blatt. Die Autoren sprechen von einem Angriff auf die Demokratie und fordern, dass Kritik nur mit Klarnamen geäußert werden dürfe.

Leserbriefe im Miesbacher Merkur / Tegernseer Zeitung: Charakterlos und unwuerdig – Unterzeichner aus Hausham, Otterfing, Gmund, Rottach-Egern
Leserbriefe im Miesbacher Merkur / Tegernseer Zeitung
Leserbrief im Gelben Blatt: Unwuerdiges Schauspiel wird durchschaut – Maximilian Greinwald, CSU Hausham
Leserbrief im Gelben Blatt

Die Unterzeichner

Maximilian Greinwald (CSU Hausham), Maria Dießl, Jonas Strohschneider, Martina Ettstaller

Herkunftsorte: Hausham, Otterfing, Gmund, Rottach-Egern – kein einziger Unterzeichner kommt aus Bayrischzell.

Die Kernaussage: Das Dossier sei ein Angriff, die Anonymität sei feige, und Kittenrainer verdiene Rückendeckung. Die Texte wurden nahezu wortgleich im Merkur und im Gelben Blatt abgedruckt – maximale Reichweite für eine Botschaft, die den Bürgermeister stützt.

Gleichzeitig erschien in der Bayerischen Staatszeitung ein lesenswerter Kommentar von Tobias Lill, der die Debatte in einen breiteren Kontext stellt: Er argumentiert überzeugend, warum eine Klarnamenpflicht im Netz mehr Schaden anrichten würde, als sie nutzt. Normalbürger würden auf Kritik an Missständen verzichten, während professionelle Trollfabriken Fake-Identitäten leicht täuschen können.

Kommentar von Tobias Lill: Klarnamenpflicht im Netz – Bitte nicht!
Kommentar von Tobias Lill in der Bayerischen Staatszeitung

Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Anonymität verweisen wir auf unsere eigene Stellungnahme.

Was aber auffällt: Ortsfremde CSU-Funktionäre dürfen in beiden Zeitungen großflächig ihre Solidarität kundtun – aber was passiert mit den kritischen Stimmen aus der Gemeinde selbst? Dazu später mehr.

II Tür an Tür in Miesbach

Um die Berichterstattung richtig einordnen zu können, muss man wissen, wer hinter den Redaktionen steht:

Miesbacher Merkur

Redaktionsleiter: Stephen Hank. Der Merkur veröffentlichte zwischen dem 23. und 25. Februar drei Artikel, die das Transparenz-Dossier als Kampagne framten und Kittenrainer unkritisch zu Wort kommen ließen. Unsere ausführliche Analyse dokumentiert dies im Detail.

Gelbes Blatt Bad Tölz

Redaktionsleiter: Daniel Wegscheider. Derselbe Daniel Wegscheider, der für den Miesbacher Merkur den umfangreichsten Solidaritätsartikel für Kittenrainer verfasste. Derselbe Daniel Wegscheider, dessen Vater 28 Jahre lang Rektor der Grundschule Bayrischzell war und dessen Familie tief in der Gemeinde verwurzelt ist.

Und jetzt der entscheidende Punkt: Beide Redaktionen sitzen im selben Gebäude in Miesbach – Schlierseer Straße 4. Wer denkt, man bekomme durch den Kauf zweier verschiedener Zeitungen auch zwei verschiedene Perspektiven auf die Lokalpolitik, irrt. Hank und Wegscheider arbeiten Tür an Tür.

Gebäude Schlierseer Straße 4 in Miesbach – Schilder von Miesbacher Merkur und Gelbes Blatt am selben Eingang
Schlierseer Straße 4, Miesbach – Miesbacher Merkur und Gelbes Blatt unter einem Dach. Klick für Street View.

Das Ergebnis ist für jeden nachvollziehbar: Der Merkur schreibt einen Solidaritätsartikel – verfasst von Wegscheider. Das Gelbe Blatt druckt Leserbriefe, die Kittenrainer verteidigen – verantwortet von Wegscheider. Zwei Zeitungsnamen, ein Flur, eine Richtung.

Pressekodex, Ziffer 6 fordert eine strikte Trennung zwischen redaktioneller Arbeit und wirtschaftlichen oder persönlichen Interessen. Wenn ein Journalist gleichzeitig für zwei Lokalmedien verantwortlich zeichnet, die beide über denselben Sachverhalt berichten, und dieser Journalist eine dokumentierbare persönliche Nähe zum Gegenstand der Berichterstattung hat – dann ist die Unabhängigkeit nicht gewährleistet.

III Stimmen, die nicht gedruckt werden

Während CSU-Funktionäre aus Hausham, Otterfing und Rottach-Egern großzügig Platz im Gelben Blatt bekommen, erreichen uns Zuschriften von Bürgern, die sich ebenfalls an die Lokalredaktion gewandt haben – und deren Leserbriefe schlicht nicht gedruckt wurden. Hier die Stimmen, die es nicht in die Zeitung geschafft haben:

Zuschriften, die das Gelbe Blatt nicht druckte
Eingegangen über unser Kontaktformular – alle Verfasser geben an, ihren Text auch an die Lokalredaktion geschickt zu haben.
Maria K., Bayrischzell Hinweis 09.03.2026

Ich habe am 27. Februar einen Leserbrief ans Gelbe Blatt geschickt. Nichts Wildes, keine Beschimpfungen. Ich hab nur geschrieben, dass ich als Mutter von drei Kindern in Bayrischzell gerne wissen möchte, warum die Straßen seit Jahren nicht gemacht werden, während für andere Sachen anscheinend immer Geld da ist. Ich hab höflich gefragt, ob die Redaktion nicht mal nachhaken könnte.

Keine Antwort. Kein Abdruck. Aber die Herren aus Hausham und Otterfing, die hier nicht mal einkaufen gehen – die bekommen eine halbe Seite. Das ist nicht Pressefreiheit, das ist Auswahl nach Gesinnung.

Stefan B., Hausham Hinweis 05.03.2026

Ich bin selber aus Hausham, wie der Herr Greinwald. Aber im Gegensatz zu ihm maße ich mir nicht an, die Politik in einer Nachbargemeinde zu beurteilen. Was dort im Rathaus passiert, das wissen die Leute vor Ort am besten – und die erzählen einem ganz andere Sachen als das, was in der Zeitung steht.

Ein Ortsfremder kann gar nicht beurteilen, wie fehlgesteuert die Politik von Kittenrainer in Wirklichkeit ist. Der sieht die schöne Fassade, aber nicht den undichten Keller.

Ich sag immer: Wenn ich zum Zahnarzt gehe, ist es mir völlig egal, ob der ehrlich ist oder freundlich oder sympathisch. Wichtig ist, dass die Behandlung gut ist. Dass er sein Handwerk versteht und in meinem Interesse handelt. Genau dasselbe erwarte ich von einem Bürgermeister: fachlich kompetent und im Interesse der Bürger. Nicht im Interesse seiner Freunde, seiner Familie oder seiner Golfpartner.

Meinen Leserbrief hat das Gelbe Blatt übrigens auch nicht gedruckt.

Hans, Landwirt aus dem Leitzachtal Kritik 07.03.2026

I bin Bauer, mei Leben lang. I steh um vier auf, i schaug dass mei Vieh versorgt is, und i bring mei Hof ohne an einzigen Cent Förderung durch. Des is hart, aber i will niemandem auf der Tasche liegen. Mei Vater hat des so gmacht, und i machs genauso.

Und dann les i, was da in Bayrischzell abgeht. Da is oaner, der wo Subventionen einstreicht, Grundstücke billig kriegt, sich den Glasfaseranschluss bis aufs Anwesen legen lasst, während andere Bauern ned amoi gscheites Internet ham – und sich dann hinstellt und sagt, er is a ehrlicher Landwirt.

Der Kittenrainer beschmutzt des Image von jedem ehrlich arbeitenden Landwirt im Landkreis. Wir Bauern stehen für harte Arbeit, für Anstand und für Eigenständigkeit. Ned dafür, dass man sich an der Gemeindekasse bedient und dann Mitleid erwartet, wenn's rauskommt.

I hab des auch dem Gelben Blatt geschrieben. Reaktion: keine.

Drei Zuschriften. Drei verschiedene Menschen, drei verschiedene Blickwinkel – aber alle mit derselben Erfahrung: Die Lokalredaktion druckt sie nicht. Weitere Stimmen finden sich auf unserer Leserbriefe-Seite.

IV Fazit

Pressefreiheit lebt von Unabhängigkeit und Vielfalt. Wenn die beiden Lokalzeitungen, die über eine Region berichten, nicht nur im selben Gebäude sitzen, sondern personell verflochten sind – dann gibt es de facto keine zweite Meinung. Dann ist die vermeintliche Medienvielfalt eine Fassade.

Die Bürgerinnen und Bürger von Bayrischzell und dem Landkreis Miesbach haben ein Recht darauf zu erfahren, unter welchen Bedingungen ihre Lokalberichterstattung entsteht. Sie haben ein Recht darauf, dass auch kritische Stimmen Gehör finden – nicht nur CSU-Funktionäre aus anderen Gemeinden.

Wer die Wahrheit in zwei verschiedenen Zeitungen sucht –
und beide kommen aus demselben Büro –
der liest nicht zwei Meinungen, sondern eine doppelt.
Hinweis Diese Darstellung basiert auf öffentlich zugänglichen Informationen: den veröffentlichten Leserbriefen im Gelben Blatt und der Tegernseer Zeitung vom Februar/März 2026, den Impressumsangaben beider Publikationen, den Publizistischen Grundsätzen des Deutschen Presserats (Pressekodex) sowie unserer eigenen Merkur-Analyse. Die eingebetteten Zuschriften wurden uns über das Kontaktformular zugesandt.